Sagen aus dem Waldviertel

Der Leibhaftige und der Fuhrmann

Diese Sage soll sich nach dem Volksglauben vor langer Zeit in einer einsamen Gegend des Waldviertels zugetragen haben. Damals mussten noch Fuhrmänner mit Pferden die geschlägerten Holzstämme zum Holzplatz bringen. Dabei musste der Fuhrmann die Pferde wegen der großen Last schon bei der kleinsten Steigung antreiben.

Wieder einmal neigte sich ein Tag dem Ende zu und der letzte Wagen wurde von den Holzknechten so sehr beladen, dass er auseinanderzubrechen drohte. Der Fuhrmann wollte mit dem Wagen nicht fahren, da sich auf dem Weg zum Holzplatz eine starke Steigung befand und er meinte, dass die Pferde es nicht schaffen würden. Die Holzknechte redeten aber auf den Fuhrmann ein und er ließ sich ob der Worte erweichen trotz der großen Gefahr.

Eine schmale Straße führte den Fuhrmann zu der großen Steigung. Hier trieb er die Pferde bis zum Äußersten, doch plötzlich standen die Tiere still und rührten sich nicht mehr. Er versuchte es im Guten und im Bösen, doch die Tiere waren nicht von der Stelle zu bewegen. Zornig und wütend sprach er Verwünschungen aus und in seiner Not rief er den Teufel um Hilfe.

Unter heftigem Wind und Blitzen erschien der Höllenfürst und fragte den Fluchenden nach seinem Begehr. Er antwortete, dass er den Wagen nicht mehr weiterbringe und endlich auch heimkommen möchte. Da rieb sich der Teufel die Hände und spannte sich vor das Fuhrwerk. Ohne viel Mühe zog er den schweren Wagen den Berg hinauf. Dort angekommen musste der Fuhrmann aber dem Teufel als Gegenleistung seine Seele mit seinem Blut verschreiben. Dann verschwand der Böse, wie er gekommen war.

Der Fuhrmann aber setzte seinen Weg ungehindert fort, lud das Holz ab und fuhr weiter nach Hause. Die Jahre aber gingen dahin und der Fuhrmann dachte nicht mehr an sein Versprechen, das er dem Teufel gegeben hatte. Mit den Jahren war er auch zum Rauf- und Trunkenbold geworden.

Als er wieder einmal ziemlich betrunken auf dem Heimweg war, wartete auch schon der Teufel auf ihn. Als der Betrunkene stürzte fiel er mit dem Kopf auf einen Stein, den der Teufel dort extra hingerollt hatte. Dabei starb der Fuhrmann und der Teufel holte sich die Seele des unglücklichen Mannes.

Der Grenzsteinversetzer

Dem Boden im Waldviertel gewinnen die Bauern nur sehr schwer Ernte ab. Viele Bauern liegen miteinander im Streit, weil der eine oder andere mehr Ertrag gewinnt. Ein Bauer aus der Gegend des Weinsberger Forstes lag einst auch im Streit mit seinem Nachbarn. Bei jeder Ernte merkte der Bauer, dass der andere wesentlich mehr Ertrag hatte als er selbst. Der Mais und auch der Weizen gediehen weit besser auf des Nachbarn Feld als auf seinem eigenen. Da beschloss der Bauer, dem verhassten Nachbarn einen ziemlich üblen Streich zu spielen.

Eines Nachts ging er auf das Feld seines Nachbarn und versetzte die Grenzsteine. So – meinte er – würde er sein Feld vergrößern, was er ja auch tat, und dadurch eine bessere Ernte haben.

Am nächsten Morgen, als der Nachbar des Bauern auf seinen Acker ging, bemerkte er vorläufig gar nicht die frevelhafte Tat. Erst am späten Nachmittag, als er das Feld dort pflügte, wo die Grenzsteine standen, sah er, dass diese versetzt worden waren. Zuerst riet der Bauer hin und her, wer denn der Grenzsteinschänder sein könnte, bis er auf seinen neidischen Nachbarn kam. Mit diesem lag er ja schon seit einigen Jahren wegen der Ernte im Hader. Nur, dass dieser soweit gehen würde, das wagte selbst der Bauer nicht zu glauben. Er beschloss, ihn beim nächsten Treffen zur Rede zu stellen.

Als er ihn jedoch längere Zeit nicht traf, legte er sich eines Nachts auf die Lauer, ob der Grenzsteinsetzer wieder kommen würde, um die Lage der Grenzsteine neuerlich zu verändern. In dieser Nacht stand der Mond voll und leuchtend am Himmel. Und wirklich, der Bauer kam, um die Grenzsteine seines Nachbarn zu versetzen und so ein Stück des Feldes wieder für sich zu gewinnen. Da sprang der Nachbar des Bauern aus seinem Versteck hervor und stellte den Grenzsteinversetzer zur Rede. Dieser leugnete jedoch seine Tat. Nach langem hin und her kam es zwischen den beiden Rivalen zu einer Rauferei. Dabei fiel der Grenzsteinversetzer so unglücklich mit dem Kopf auf einen Grenzstein auf, dass er auf der Stelle starb.

Geraume Zeit später, als der Totschläger wieder einmal des Nachts über den Acker ging, erschien ihm der Geist des Grenzsteinversetzers. Dieser sprach in verständlicher Stimme zu seinem Nachbarn, der nicht minder über diese plötzliche Erscheinung erschrak: “Ich werde dich bald zu mir holen, denn wir müssen noch den Streit wegen der Grenzsteine zu Ende bringen.” Nach diesen Worten war der Spuk auch schon wieder verschwunden. Als sich der Bauer von seinem Schrecken erholt hatte, begann er lauthals zu lachen, er hielt das Ganze für eine Spiegelung in der Nacht. Außerdem glaubte er nicht an Geistererscheinungen; er tat dies nur als Hirngespinst ab.

Einige Monate nach dieser seltsamen Begegnung starb der Bauer ohne irgendeinen ersichtlichen Grund. Ab diesem Tag konnten durch viele Jahre hindurch die Leute, die in der näheren Umgebung der Felder wohnten, in Vollmondnächten zwei Männer beobachten, die auf den Feldern die Grenzsteine hin- und herschoben und dabei heftig stritten. Der Spuk dauerte immer von Mitternacht bis ein Uhr früh, dann waren die Männer verschwunden. In der letzten Zeit soll diese Erscheinung aber von niemandem mehr gesehen worden sein.

Die wilde Jagd

In ihrer Jugendzeit hatte die Frau noch öfter die wilde Jagd gehört. Der Vater rief manchmal die Kinder: “Schnell, die wilde Jagd kommt!” Alle liefen vor das Haus und hörten das wilde Heer durch die Luft brausen, alle Stimmen, die man sich denken kann, Kinder schrien und weinten, die verschiedensten Tiere miauten, brüllten, krächzten, winselten durcheinander, trotzdem hatten sie, im Schutz des Hauses, keine Angst. Die Richtung war immer ziemlich gleich, von den Laschöbern (diese befinden sich hinter dem Wachtstein), in Richtung Glashütten und weiter gegen Buchen. Man konnte sie zu jeder Jahreszeit hören, zu sehen war dabei nie etwas.

Wer im Freien von der wilden Jagd überrascht wurde, musste sich flach auf den Boden werfen, wenn ein Graben in der Nähe war, gab es mehr Sicherheit, ganz ruhig verhalten und während des Vorbeiziehens auch nicht atmen. Alles, was sich mehr als kniehoch über den Boden erhob, wurde mitgenommen.

Zu bemerken wäre noch, dass die angegebene Zugrichtung nicht mit der Hauptwindrichtung in unserer Gegend übereinstimmt, denn die starken Winde kommen bei uns entweder von Westen oder von Nordwest, wenn man diese Erscheinung mit dem Wind erklären möchte.

Früher gingen einmal mehrere Burschen von Kaltenbach Kirschenstehlen. Kaum waren sie auf dem Baum oben, hörten sie die wilde Jagd durch die Luft daherstürmen. Es war ein unbeschreiblicher Lärm von allen Stimmen, die man sich nur denken kann. So schnell es ging, sprangen sie vom Baum hinunter, warfen sich ganz flach auf den Boden und rührten sich nicht mehr. Die wilde Jagd sauste über sie drüber. Zitternd standen sie auf und schauten, dass sie heimkamen.

Einen Mann erwischte die wilde Jagd auf der Dietmannser Ebene. Es riss ihn in die Höhe und erst in Kirchschlag kam er wieder herunter. Auch einige andere Fälle wurden mir erzählt, dass es Leute mitgerissen und nach einiger Zeit wieder losgelassen habe.

Von einem Mann hörte ich, der vor dem zweiten Weltkrieg fensterln ging. Bei einer Brücke riss ihn etwas in die Höhe und es war schon hell, als er, weit weg, wieder zu sich kam obwohl er sonst ziemlich redselig ist, war nichts aus ihm herauszubringen. “Hör mir auf damit”, war alles, was er sagte.

Früher einmal gingen zwei Männer über die Dietmannser Höhe  heim nach Spielberg. Es war in der letzten Zeit der Rauhnächte (zwischen Heiligabend und Dreikönig) und schon stockdunkel. Der Wind pfiff und heulte in den Baumwipfeln ganz fürchterlich und es wurde ihnen immer unheimlicher zumute. Als sie in die Nähe des Torfstiches, zur Straßengabelung nach Pfaffings kamen, hörten sie plötzlich von hinten etwas heranbrausen, es klang wie Hundegebell, Pferdewiehern, Männergegröll, alles wild durcheinander. Einem gelang noch der Sprung in den Straßengraben, er warf sich mit dem Gesicht zur Erde und fing das Vaterunser zu beten an. Der Zweite fühlte sich, mitten im Sprung, hochgerissen, dann schwanden ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er in der Gegend von Buchegg auf einem Acker, zerschunden und zerkratzt, aber sonst unversehrt. In der Früh kam er total erschöpft daheim an. Seit dieser Zeit soll sich die wilde Jagd nicht mehr gezeigt haben.

Der Müller und der Teufel

Als sich im Waldviertel noch viele Mühlräder drehten, lebte im Norden des Waldviertels ein Müller. Dieser war zwar ein rechtschaffener und fleißiger Mann, doch gab er das Geld auch genauso schnell aus, wie er es verdiente. Er kam einfach auf keinen grünen Zweig.

Zu allem Unglück begann der Müller, sich nun auch im Glücksspiel zu versuchen. Doch je höher er spielte, desto mehr verlor er auch. Trotz seiner großen Verluste hielt ihn der Spielteufel in seinem Bann; er konnte und konnte einfach nicht mehr aufhören. Daheim war es ihm schon nicht mehr möglich, seine Familie zu ernähren, jeden Kreuzer, den er verdiente, trug er zum Kartenspiel ins Wirtshaus. Immer mehr verfiel der ehemals brave Mann dem Kartenspiel, zu guter Letzt spielte er noch um Haus und Hof. Als auch dieses Spiel zu seinem Ungunsten ausfiel, wusste er weder ein noch aus.

In dieser großen Not rief er den Höllenfürsten zu Hilfe. Mit Sturmgebraus erschien dem Müller auch alsbald ein grün gekleideter Jägersmann. Sofort erkannte der Mann in dem Weidmann den Teufel. Der fragte sogleich den Müller nach seinem Begehr. Dieser klagte ihm sein Leid. Da lachte der Teufel laut auf und rief: “Wenn’s weiter nichts ist, will ich dir gerne helfen, aber du musst mir über Jahr und Tag deine Seele verschreiben.

Noch hatte der Teufel seine Worte nicht zu Ende gesprochen, hielt er auch schon einen schweren Geldsack in den Händen. Da griff der Müller, ohne zu zögern, nach dem Sack, doch der Leibhaftige wollte das Geld erst herausgeben, wenn der Müller mit seinem Blut den Pakt, den sie geschlossen hatten, besiegelte. Der Müller unterschrieb nun mit seinem Blute, dass ihn der Teufel nach Jahr und Tag zu sich holen werde. Nicht zuletzt dachte er dabei an seine Familie, die ohne diese Hilfe kein Zuhause mehr haben würde, weil er ja alles beim Kartenspiel verloren hatte. Er meinte auch, dass er wegen seines unredlichen Lebenswandels gewiss in die Hölle kommen würde, ob das jetzt oder später geschehen sollte, war dem Müller egal.

Der Teufel verschwand und der Müller nahm den Sack mit Geld an sich. Rasch beglich er damit seine horrenden Spielschulden und kaufte seine Mühle und sein Hab und Gut wieder zurück. Mit dem verbliebenen Geld führte er nun ein sorgenfreies Leben. Der Müller ließ sich und seiner Familie nichts abgehen, er hatte auch mit dem Glücksspiel gänzlich aufgehört und war wieder wie früher.

Doch das eine Jahr war schnell herum und der Müller dachte nicht mehr an den Pakt, den er mit dem Teufel geschossen hatte. Aber genau am Jahrestag kam ihm nahe der Mühle ein grünberockter Weidmann entgegen. Sofort erkannte der Müller in dieser Gestalt den Teufel. Der Höllenfürst machte den Müller auf den Vertrag aufmerksam, den er mit seinem Blute unterfertigt hatte. Der Müller verlegte sich aufs Bitten. Er bat den Teufel, ihm doch noch einige Jahre zu schenken, er fand diese und jene Ausrede, doch der Höllenfürst ließ keine Ausflüchte gelten.

Da schlug der Müller dem Leibhaftigen einen Handel vor. Wenn der Teufel alle Frösche, Lurche und Unken aus dem Teich fangen könnte, wollte der Müller mit dem Teufel gehen. Auch stellte der Müller noch die Bedingung, dass der Teufel eine Stunde lang die Tiere auf einer kleinen Insel zusammenhalten musste. Dem Höllenfürst schien die Bedingung nicht zu schwer, und so ging er auf den Handel ein. Rasch fing er alles Getier aus dem Teich und hielt es unter großer Mühe auf einer kleinen Sandbank im Teich zusammen. Doch der schlaue Müller öffnete nun unterhalb des Teiches eine kleine Schleuse, und das Wasser aus dem Teich ergoss sich in einen kleinen Bach. Als nun der Teich nach und nach weniger Wasser hatte, rutschte auch Stück um Stück von der Sandbank ab. Der Teufel konnte die Wassertiere nicht mehr zusammenhalten. Lustig sprangen plötzlich die Frösche und Kröten dem Teufel vor Ablauf der Frist aus den Händen.

Zornentbrannt und unter fürchterlichem Gestank fuhr der Höllenfürst in sein Reich. Der Müller aber verbrachte noch viele glückliche Jahre im Kreis seiner Familie.

Der Räuberhauptmann Grasel

Der Räuberhauptmann Grasel ist ein Mythos: Ein Räuber der die Reichen bestahl, um es den Armen zu geben. Grasel wurde wahrscheinlich ein Opfer seiner Umwelt. Schon seine Eltern waren Diebe und Räuber, die ihren Nachwuchs bei ihren Beutezügen mitnahmen. Bis zu seinem Ende hatte Grasel um die 200 Verbrechen im Waldviertel begangen.

Der edle Grasel, wie er in manchen Erzählungen vorkommt, ist aber eine Phantasiefigur. Der wirkliche Grasel verübte hauptsächlich Raubüberfälle in Häusern, und weil ihm die der Reichen zu gut gesichert schienen, hielt er sich an die Armen. Dabei war er äußerst brutal, und ein Menschenleben bedeutete ihm nichts. Es war damals die Zeit der Franzosenkriege, Soldaten zogen durch das Land, Polizei gab es so gut wie keine. Dafür gab es in fast allen Orten Leute, die Grasel gegen Gewinnbeteiligung heiße Tipps gaben. Mit dem Kriegsende war auch die Zeit des Räuberhauptmanns dahin. 1815 wurden für seine Ergreifung 4000 Gulden ausgesetzt – ein Vermögen! Nun war Grasel nicht mehr sicher, denn jeder konnte sich den Preis verdienen. Es war im Herbst 1815 ein Polizeispitzel, der sich die Belohnung verdiente. In Mördersdorf (heute Mörtersdorf) wurde der Räuber gefangen genommen. Die Jahre bis zu seiner Hinrichtung 1818 in Wien verbrachte er im dortigen Gefängnis unter schweren Ketten. Seine letzten Worte unterm Galgen waren beim Anblick der unzähligen Gaffer: “Jessas, die vieln Leut!”

 

 

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